Ohne Titel! Ohne Wort?

– zu Malereien des Frank Pietsch.

Werte Anwesende,

wenn Sie neben die Rahmen sehen, werden sie bemerken, dass die Bilder ohne Titel sind. Braucht es das Wort nicht mehr, soll das Bild für sich allein wirken. Einem Autor bleibt nichts als das Wort. Er schreibt sie hintereinander. Die Malerei jedoch ist nicht hintereinander. Sie ist im Spiel der Farben auf einmal, vielleicht alles zugleich. Das Lineare ist verschieden dem Gleichzeitigen, das Sehen dem Denken. Was kann man überhaupt sagen? Farben gibt es in der Natur, Worte nicht. Ist Farbklang Wortsinn? Ist Wortklang Farbsinn? Was bleibt mir anderes übrig, als zu sehen und zu sagen, WIE DIE AUGEN ES BESCHREIBEN. Zu versuchen mich den ausgestellten und nicht ausgestellten Arbeiten eines Malenden, im Gleichnis zu nähern.
Vielleicht geht der Maler am Morgen, mit den Schatten der Nacht, im Tageslicht an die Leinwand und spaltet den grauen Schlaf mit einer bunten Axt. Vielleicht tritt er am Abend, auf der Suche nach dem Wind, nach einem Schweben in der Luft, ins Neonlicht, zu den Häusern der Nacht. Die Leinwand hinter sich lassend, behutsam Schritt für Schritt. Im Geraune der Straße sich fragend, woher die vielen Möglichkeiten des Lichts, die Melodien der Farben kommen. Vielleicht spürt er im Dunkel die Macht jener Natur, die uns alle erschafft und von uns nimmt. Achtsam irgendwohin voranschreitend, denn je tiefer man hinab steigt, um so mehr kommt man ins Reich der immerwährenden Nacht. Wenn Leben eine Art des Todes ist, kann man seins, um zu überleben, in Farbe tun.
Frank Pietsch ist in den Jahren seiner Entwicklung, von der Darstellung des Menschen,
von Tieren, vegetativen Formen und abstrakten Gebilden, in fast monochrome Farbspiele, in eine Phase kontinuierlicher Übermalungen geraten. Welchen Sinn macht andauerndes Übermalen? Ist es ein in Bewegung sein, mit den Dingen und sich? Eine unstillbare Unzufriedenheit? Ist es ein sich selber immer wieder zerbrechen? Wozu etwas festhalten, was vorüber ist, ist doch das Interessanteste an der Malerei das Malen.
Wie immer sie sich zeigt. Wie immer sie sich für den Betrachter erfahren lässt, auftut, oder sich bedeckt hält. Im anhaltenden Versuch des kontrollierten Bildens ist eine Unruhe zu spüren. Würden irgendwann die sich überlagernden Farbschichten, die manchmal schon modelliert wirken, aufplatzen, würden unzählige Gebilde und Haltungen, Situationen und Stimmungen zum Vorschein kommen. Man weiß nicht, wann es sein wird, wann aus dem Ausgewogenen das Unkontrollierbare bricht, wann die Übermalungen bersten und was an Schichtungen unter ihnen liegt, jene Geschichten des Werdens und Verwerfens zum Vorschein kommen?

DIE FARBEN SIND ALLES

Wieder und wieder das ROT, Blutsee und Sonnenblüte, auf einem Bild einem Strahl gleich, den Raum wie ein Wurm durchbohrend. Zum Beispiel das BLAU, die blaue Stunde, der blaue Strudel, das blaue Schiff im Gelb der Sonne, weißblaue Nebel. Luftig duftig scheinendes GRÜN. Die Lichtnebel mancher Arbeiten. Risse, Kratzer, Tropfen, Rinnsale, jene Löcher des Lichts und des Dunkels. Flächen stehen gegeneinander und halten sich. Farben stoßen aneinander, prallen voneinander ab, vermischen und durchscheinen sich, verborgene Dinge schimmern hervor, schmutzig verwaschen manchmal. Manchmal Parallelität der Formen, gegenüber und beieinander gestellt, konsequent getrennte Räume, Kontraste im Wechselspiel, Sichtweisen der Vielschichtigkeit. Man kann sein Inneres in Farben tun, oder allen Ausdruck in ein Symbol legen. Zum Beispiel, ein auf seiner Spitze stehendes Dreieck, wie ein Pfeil die Richtung gebend, ein Kreuz, an das man sich schlägt, ein dunkler Kreis unter einem Lichtnebel schwebend, die orangene Säule, die in weißgrauer Leere an Kraft verliert und sich wie von selbst zergliedert, ein Labyrinth unergründlich begehbarer Wege, dem Stier und Stein, einem Gras und Moos gegenüber. Sehen wir, das vielfache Spiegelbild des schwarzblauen Mondes im Fischschwarm der durch das Licht gegen die Blickrichtung des Betrachters zieht, grün, gelb, ocker, braunen Schein, als ob die Fische durch brennendes Licht tauchen. Betrachten wir lange, bewegt sich irgendwann der Schwarm. Wir schauen, wie er davon zieht in einem nicht endenden Strom, wie sich ein Aal auf einem anderen Bild, offenen Auges ins grüne Tief hinabgleiten lässt. Immer wieder und überall der Fisch. Ein Symbol für die Sehnsucht nach dem Meer, nach dem Urzustand, aus dem alles Leben wird, der Fruchtbarkeit.

DER MALER EIN TAUCHER IM MEER DER FARBEN

Im Licht des Wassers der Taucher, ins Meer der Farben hinabgestiegen, vielleicht im Rausch der Tiefe, zwischen Farbpigmenten, oder vielleicht inmitten jenes Fischschwarms
schwebend verweilend. Der Maler vereinigt mit seinem Sternzeichen, sich selbst folgend, die Farbe mit sich nehmend. In ihrer Tiefe dann die Harmonie des Verschiedenen, eine ungewohnte Ruhe spürend. Dann aus der Tiefe der Blick zurück. Über beiden spiegelt sich das Hell der Sonne, ritzt die Wasseroberfläche mit ihrem Licht, durchscheint den Raum der Tiefe mit wechselndem Farbspiel. Farbtropfen breiten sich in einem kreisenden Auf und Ab, in sachten Wellen an der Oberfläche aus. Aufwallende Farbstrudel sich vielleicht in wilde Fluten wandeln. Wenn der Taucher wieder aufsteigt, den Wasserspiegel durchbricht, blickt die Farbe dem Maler ins Gesicht; mit der Erfahrung der Tiefe, eine andere Möglichkeit des Lichts.
Wie wäre es angesichts dieser Bilder von der Einkehr eines Tauchers zu reden, der hinab in das Urelement, in das Wasser des Lebens, den Quell der Fruchtbarkeit, wie in die Farbe steigt, einer rituellen Waschung, dem Untertauchen und dem Auftauchen, einem Sterben und einer Wiedergeburt gleich? Vom ALL-EINS-SEIN eines Malenden zu reden, das sich hier zeigt, der in seinen Farben verschwindet, um am Leben zu sein, der aus sich heraus ging, um in sich zurückzukommen, seine Existenz immer wieder aufgebend, um zu existieren. Was fand er am Grund der Farben? Was bringt er aus der Tiefe hervor? Trotz Farbigkeit scheint etwas im Dunkel zu liegen. Die Welt muss immer wieder neu gesehen werden. Aber was bleibt von den Anstrengungen übrig, zwischen dem Licht der Leere und dunkler Fülle, von der Auflösung der Welt in seine Bestandteile, vom Verschwinden des Menschen, zwischen Sein und Nichtsein? Wer wollte nicht sein, was er schon immer war? Ein Wanderer zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Möglichkeit. Wie jeder Mensch eine ureigene Sprache entwickelt und sich dadurch anderen offenbart, wird ein Maler durch seine Bildfindungen sichtbar. Bild für Bild zeigt sich. Manchmal setzt sich ein anderes aus mehreren Bildern zusammen. Es fühlt sich an, wie eine Erinnerung. Etwas endete, etwas anderes begann. Schauen wir diese Bilder an. Folgen Sie dem Band der Farben, auf der Suche nach den Möglichkeiten des Lichts. Ein Farbfänger zu sein, in einem Leben, das sich selbst erhellt, dass wünsche ich Frank Pietsch und seiner Malerei.

Geschrieben und vorgetragen zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Weißensee am 9.8.2006.

Hier erhalten Sie einen Einblick in die Arbeit von Frank Pietsch.