Mengsel

Gedichte zwischen den Welten – Texte aus 40 und … Jahren in annähernd zeitlicher Reihenfolge ihrer Entstehung.
(Sammlung, bisher unveröffentlicht.)

… Einige Texte daraus …

DIE SCHUHE IN DENEN ICH LAUFE
habe ich nicht gemacht,
nicht die Jacke, das Hemd, die Hose.
Meine Mütze trage ich im Regen.
Die Jacke wärmt mich.
Hemd und Hose geben mir Schutz.
Ich gebe mein Wort und ich halte
meine Sachen brauchbar.
Lange sind sie, wie Freunde,
unersetzliche Begleiter auf dem Weg.
Ich habe meine Freunde nicht gemacht.
Wir brauchen einander.

KLOSTERSCHRIFT

Als Klosterschreiber im Kreuzgang
lesend die Chronik des Thietmar,
die älter als jene Gemäuer,
die mir für Monate Herberge sind.
Am Tag und abends wird geschrieben.
Am Nachmittag mit dem Fahrrad zum Meer
oder durch die Landschaft spazieren gegangen,
jene Urkraft, die man in den großen Städten vermisst.
Am Meer pflücke ich Schwanenfedern aus den Wellen
und stecke sie mir an die blaue Kappe.
Ich als Schwanenmann,
ein Gruß an Vila und Rusa,
die heidnischen Gefährten,
vom Ufer der Reda.
Mit der nachlassenden Sonne zurück ins Kloster Cismar,
das den Part der königlichen Pfalz übernimmt.
Aus dem Fenster meiner Klause
auf den Wassergraben blickend,
dramatisiere ich weiter an der Slawengeschichte,
die in einer Zeit spielt,
die man mit Christianisierung umschreibt.
Am Ufer der Reda
sah ich das heidnische Leben,
das slawische Volk im Einklang mit seinen Naturwesen,
bis jene Schuld in ihre Welt kam.
Im Schatten der Pfalz
wird zwischen Missionierung und barem Interesse,
jene Land- und Herrschaftsnahme
im christlichen Zwielicht sichtbar.
Sehe ich nach der Geschichte,
die Zukunft daraus zu enträtseln?
Kann man die Welt durch eine Geschichte sehen?
Noch einmal hinaus ins Offene,
am Wassergraben entlang.
Ich schaue lange den Baum an,
aus dem ein Baum wuchs.
Mit dem untergehenden Licht
durch den Naturpfad zum Klosterteich.
Der Himmel hängt voller Sterne.

AUS DEN HANDSCHRIFTEN EINES FELDFORSCHERS,
Sammlers von Sagen
und anderem Bericht der Wenden,
haben sich seine Hinterbliebenen
Zigaretten gedreht
und was sie nicht als Packpapier
gebrauchen konnten, weggeworfen.
Warum erinnere ich mich eines Abends,
an die Antwort der Museumsaufsicht in Lübbenau,
als ich fragte, ob und wo ich
von den ausgestellten Aufzeichnungen mehr finden
und lesen könne?

DER TOTE IM GRAS
Einfach so tot sein, Mischka P.

Ein Schweigen mehr,
ein Lachen weniger.

Auf einer STRASSE AUS PAPIER,
ihren Fußabdruck im Nacken,
hast Du gesehen,
das Vergessen hat ein Gesicht.

Auf dem HAUPTBAHNHOF
hat jeder seine ABFAHRTSZEITEN.
Zum Abschied eine Zigarette.

Bleibt, was uns verbunden war.

Die letzten Worte, Ecke Schönhauser
haben wir uns verabredet,
um über deinen Film zu reden.
KEINER GEHT VERLOREN.

Eines Tages lagst du tot im Gras.
Dann im Grab gegenüber Fontane.

(Mischka P. – Michael Peschke)

FREIHEIT

Die Freiheit zu sagen, was er sie es denkt.
Die Gedankenfreiheit.
Die Freiheit des anders Denkenden.
Die Freiheit rundum zu denken.

Die Freiheit aus verschiedenen Perspektiven zu sehen.
Die Freiheit zu unterscheiden.
Die Freiheit zu entscheiden.
Die Freiheit der Wahl.
Die Wahlfreiheit.

Die Freiheit zu vertrauen.
Die Freiheit zu zweifeln.
Die Freiheit unfrei zu sein.

Die Freiheit sich besser zu stellen.
Die Freiheit achtsam miteinander umzugehen.

Die Freiheit sich zu bewegen.
Die Freiheit einander zu erleben.
Die Freiheit zu erkennen.
Die Freiheit er sie es zu benennen.

Die Freiheit anders zu sein.
Die Freiheit zu sein.
Die Freiheit zu tun, was Frau Kind Mann muss will möchte.
Die Freiheit des nicht tun.

Die Freiheit nutzlos zu sein.
Die Freiheit zu gestalten.

Frei sein wovon?

‚Freiheit‘ sagt, wer unfrei ist …

ZEITEN DER AASGEIER
Zeit der Finsternis
Hinter den Sonnen im Nirgendwo
Kraft gewendet im Leben
Im Rücken der Mensch
Ein Sein unter Sternen
Im Schoß der Erde
Geatmet die Wucht
Zeit Zukunft

ROST FUNKE STERN

Was kann Glück?
Beim Klopfen des Rostes tauchte Hans mit den Funken an den Grund zeitloser Quelle.

Vielleicht ist Glück keine Vorstellung von Glück zu haben.
Im Rauschen der Meere malte er eine Brücke ans Ufer.
Wenn es eine Wahrheit gibt, gibt es immer auch eine andere.
Im Herz der Finsternis ging er der Schwerkraft nach.
Folge einem Stern und du kehrst nie um.
Angesichts kaputter Schuhe schwieg er.
Die Schritte machen den Weg.
Mit SternenStaub schrieb er seine Fibel,
Schwamm wie eine Blase im Wasser des ewigen Lebens.
Nackt im Steinwald bewegte er sich um ein Sandkorn.

Auch das Nichts ist etwas.
Nach oben stieg er nach unten.
Der Berg führte ihn in die Tiefe seines Selbst.

Statt im Denken zu suchen, ging er dem Erdton nach.
Er schlug ihn sich mit dem Eispickel zur Seite.
Im Augenblick ahnte er, was könnte wichtiger sein, als zu sein.
Eine Welle im Meer, die einen zurück ans Ufer des Urwalds schwemmt,
Wo einst der Baum der Kindheit stand.
Kein Blatt gleicht dem anderen.
Alles steht in den Sternen, dem fern sehen der Uraltalten.
Der Mühlstein der Zeit wie ein Brummkreisel sich dreht.
Der Fluss hat nur ein Ufer.

(Für Kai Grehn, mit Dank für den FUNKENFLUG.)

Im Fallen des Regens
Im Quellen des Samens
Im Saugen des Holzes
Im Rauschen der Blätter
Im Wiegen der Wipfel
Im Wehen der Winde
Im Rascheln des Laubs
Im Fallen des Schnees
Im Kriechen der Kälte
Im Splittern des Eises
Im Toben des Sturms
Im Donnern der Flut
Im Gleiten der Wellen
Im Hallen der Schlucht
Im Lodern des Feuers
Im Bersten der Steine
Im Flug der Asche
Im Zug der Sterne
Im Schwingen des Lichts
Im Klang der Farben
Im Fließen des Bluts
Im Gehen Stehen Sitzen
Und Schweigen
DAS EINE

WARUM SOLLTE ICH
jedes Stück, das Gedicht,
Text für Text ausschreiben?

Vielleicht findet sich ein Lesender, Nachkomme, Autor,
der anders,
weiter oder zurück denkt,
was vielleicht angedacht ist,
der anders gestaltet,
als ich es in meiner Schrift,
mit meinem Erfahrungshorizont vermochte,
der sieht,
was ich nicht zu sehen vermag.

Gibt es kein Finale
geht alles weiter,
zwischen Sein und Nichtsein,
wie immer.

Warum sollte ich also enden?

DER UNBEKANNTE ZEICHNER

Manchmal ging ich mit meiner Freundin
spazieren im Treptower Park.
Einmal kamen wir an einer Gruppe von Zeichnern vorbei,
die für ein paar Mark,
ein Porträt von einem machten.
Nun bist du dran,
sagte meine Begleiterin,
die vor Monaten ein so entstandenes Porträt,
vom Alexanderplatz mit in unsere Wohnung brachte.
Ernst oder lustig,
fragte der unbekannten Zeichner,
in einer fremden Sprache,
die nicht seine Muttersprache war.
Ich entschied mich für lustig
und sehe nun so aus.