Im Übergang. Fragmente

Angesichts neuer Plastiken von Sibylle Waldhausen.

IM ÜBERGANG

Vom Übergang gezeichnet,
der Weg ins Leben,
auf der Flucht vor sich selbst.
Ohne Aufenthalt
zwischen Wasser, Luft, Erde, Feuer,
zwischen Mensch, Raum, Ding,
zwischen Chaos, Substanz, Wesen
zwischen den Gefühlen, im Zwielicht,
immer im Wandel leben,
im Nichtmehr und Nochnicht,
between, immer dazwischen,
Vorgesicht in der Rückschau,
bis an die Grenzen der Erde.
Der leere Blick, kein Blick,
der Letzte in den Anfang,
ins Beginnen enden.

INSEL KLEINE STADT

1 Auf den Dächern ihrer Häuser,
ein jeder in eine andere Richtung,
für sich sehend,
als ob sie fremd voneinander wohnten,
als ob sie nicht gesehen wurden,
miteinander Ausschau hielten,
dem aufgehenden Licht,
vielleicht seinem Untergang entgegen.
Doch niemand naht …

2 Wie auf Inseln der RAPA NUI
die steinernen Zeugen,
einem Sternbild, Schiff,
vielleicht ihrem Gott entgegen schauend,
der sie nicht mehr erblickt.

3 Unterm Dach der Welt,
sehen sie der Wolkenbildung zu.
Sprachlos ein jeder sich gegenüber.
Gebaut, gelebt, geschleift
INSEL KLEINE STADT.

GRÜNDUNG

1 Eine Stadt, die in sich fällt,
von den Rändern her abreißt,
angefressen, ausgelaugt, aufgegeben,
menschenleer am Grund,
von Steinen überwachsen,
was sie einmal in ihrem Wesen verband.

2 Häuser, die von sich abfallen,
gestürzte Wände an andere gestützt,
aus dem Fundament gerissen,
aufgebracht das im Vergangenem Gestaute,
bodenlos die Kultstätten allzeits
überbaut die Natur.

3 Im Licht einer Kerze,
hinter das Modell gestellt,
leuchtet Leere auf.
Man kann sich die Konstruktion der Moderne,
die Anlage der neuen Zeit,
jenes viel zu viele, dass viel zu lange dauert,
wieder und wieder zurecht rücken.
Die Sichtweise des Betrachters ändert die Wirklichkeit.

KÖNIGSKINDER

1 Zwei Königskinder sich gegenüber,
unter der Krone nackt,
wie beim ersten Mal,
als ein Geschlecht das andere schaute.
Für einen Moment
die hungrige Natur,
geboren den Mittelpunkt
voneinander zu erfahren.

Wie sie zu ihm steht,
verhüllt ihre wirkliche Gestalt,
wie es Vorteil des Weiblichen ist.
Sie hält das ‚Messer der Nacht‘,
an ihrer Seite verborgen

2 Ihre Mulde wird seinen Samen trinken.
Ihr Blick wird jeglichen Zweifel aus ihm lösen.
Ihm immer voraus sein, bleibt ihr Geheimnis.
Er kann die Nacht hinter sich spüren,
wie verwachsen in ihrem Blick,
erstarrt er vor ihrem Schritt.

Oder ist uns eine zärtliche Annäherung gezeigt,
wie man sie aus Bilderbüchern der Liebe kennt?
Unersichtlich bleibt das nächste Einander.

DIE ALLEINSEGLERIN

Leicht auf dem Wasser,
in der Luft,
wo überall sie ist,
durch den Augenblick,
in den Dingen,
wie ein Blatt im Wind.
Wo sie anlandet, da ist sie.
Wo sie ist, bleibt sie nicht.
Zwischen nicht mehr und noch nicht,
an Land trocken und brüchig werdend,
schwebt sie fort auf ihrem Blatt,
IM WASSER DES LEBENS,
das nie dasselbe war.
DIE ALLEINSEGLERIN
bemüht um Gleichgewicht,
nicht vom Blatt zu gleiten,
es gespannt zu halten,
dass es sich nicht über sie einrollt.

DER WELLENREITER

1 Im schwankenden Kahn,
vorn ansitzend,
als ob seine Ankunft unsicher,
das erahnte, nahende,
Land vielleicht.
Fern von allem,
das ihn hielt.
Kein Ruder mehr,
keine Richtung.
Vielleicht ein Schiff auf Sand und er
grübelnd seiner Sehnsucht nach.
Einmal im Boot auf offener See,
im Horizont die Sterne …

2 Allein in seinem Boot,
nur noch mit sich beladen,
treibt er ins Nirgendwo.

Einerlei ob er einmal erfahren,
je was gewusst.

Nichts erinnert ihn mehr als die Leere.
Auch die scheint er hinter sich gelassen zu haben,
vorn ansitzend, aufrecht, gelassen,
eins geworden mit seinem Kahn.
Wohinein er schaut …

… sieht nur er.

DIE BEWAHRERIN

1 Greift sie nach etwas,
verliert sie den Halt.
Der Rücken krumm vom vielen Bewahren.
Nur noch Hände
und das unter ihnen unsichtbar Bleibende.
Und nichts mehr für sich.

Je nachdem, wo sie sich hineinbegeben hat.
Je nachdem, wo sie ein Leben hingebracht hat.
Unter den fein gestalteten, aneinander gelegten Händen,
die sich halbrund über etwas, um etwas legen,
ahnt man vielleicht,
wofür sie etwas wagen würde.
Das, worüber sie schützend die Hände hält,
verschwunden, nicht mehr.

Das zu Bewahrende
vielleicht nur noch ein Gedanke.
Im letzten Moment
fallen ihr die Hände auf die Knie,
rutschen tiefer,
greifen in die Erde
vergebens.

ANEINANDER

Mit durchstoßenen Flügeln
nach vorn schreiten,
das Kind an sich halten,
in einer eigenartigen Drehung des Körpers
zurück schauen,
als ob in einer einzigen Bewegung,
der Lebenskreis beschrieben werden kann.

Das Kind zurück ins Leben,
der Engel auf das Kind blickend,
der Tod voranschreitend.
DREI WESENHEITEN IN EINER GESTALT.
Je nach Sichtweise des Betrachters.
Etwas will bewahren.
Etwas will nehmen.
Etwas ist im Übergang.
In einem Moment drei Wesenheiten.
Es sich nehmen,
in die Arme gehoben
hinaus ins Erlöschen,
zum Grunde zurück
ans Sein blicken.

PAPIER UND PLASTIK

1 Strich, Linie,
Kontur deutet Bewegung,
Erinnerung wird Form.
Erfahrung ausgegossen, ummantelt, metallisiert,
ein Augenblick angesichts der Zeit.

2 Sie sagen nichts.
Sie sitzen, stehen, schreiten,
sind nur da.
Sie brauchen es am Leben zu sein,
das GEGENÜBER DES LICHTS.

1 GESICHTSLOS unvergänglich
die Schöne, der Traurige, das MutigÄngstlich, MitSichSelbstBeschäftigte.
Es könnte ein jeder von uns sein.
Was wenige ahnen.
Es zählt die Geste,
Haltung der am Lebenden,
in Waldhausens Gestaltung.

2 Erst laufen, lachen, liegen sie miteinander,
dann sprechen, stehlen, stürzen sie voneinander.
Man soll sich vom Menschsein keine ILLUSIONEN machen.
Umstände geben, Umstände nehmen.
IM ÜBERGANG verliert sich mancher.

Geschrieben und vorgetragen zur Ausstellungseröffnung in der Offenen Werkstatt Bürgel am 15.10.2011.

Hier erhalten Sie einen Einblick in die Arbeit von Sybille Waldhausen.