Der zerbrochene Krug oder Spuren im Schnee

Zu Heinrich von Kleist.
Versuch während einer Theateraufführung, sie zu beschreiben. Berlin 2007.

Die Musik beginnt.
Licht nimmt Platz und mischt die Karten.
Grete, eine Magd schlürft herein
und macht aus Akten Feuer.
Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse.
Das Dorf tanzt.
Staub in der Luft.
Der Ofen raucht.

Dem Dorfrichter Adam ereilt eine trübe Stimmung.
Ihm träumte des Nachts,
ihn hätte ein Kläger ergriffen
und zerrte ihn auf den Richtstuhl,
den Hals ins Eisen ihm.

Das Fest ist aus.
Mit einem kräftigen Schluck beginnt der Dorfrichter sein Tagwerk
und tupft seine Wunden mit Branntwein ab.
Noch vor dem Lauf des Tages,
sei er gestürzt auf den Ofen,
als er sich nach einem Aktenstück beugte.
Zum Straucheln braucht es nichts als Füße.
Der Schreiber Licht bohrt den Finger in die Wunde.
Dem Dorfrichter fehlt ein Stück von der Wange.
Zwei Löcher im Kopfe Adams,
der das Gleichgewicht verlor.

Bauer Tümpel kommt
und kündigt das Nahen des Gerichtsrats Walter an.
Grete wird gerufen.
Die Magd soll Kragen, Weste, alles bringen,
damit sich der Dorfrichter ankleiden kann.
Die Perücke soll sie aus dem Bücherschrank holen.
Aber kahlköpfig kam der Richter aus der Nacht.
Den Kopf voll Blut, den die Magd ihm wusch.
Der Küster soll die Perücke borgen,
denn die Katze hätte in die seine gejungt.
Der Dorfrichter fühlt sich krank.
Schon wieder der Traum:
Sein Hals läge im Eisen.

Schnell die Flaschen aus der Registratur geschafft.
Das Pult zum Gerichtstag aufgestellt.

Aus der Kälte kommt der Gerichtsrat Walter.
Wo man auch ist,
es fehlt an Vorschriften.
Die ihm zum Gruß entgegen gehaltene Hand des Schreibers Licht,
wird ignoriert.
Die Welt wird klüger Tag für Tag.
Der Streit hat sich vor der Tür versammelt.
Es ist Gerichtstag heut.
Auf dem Lande muss man nach dem Rechten sehen.
Licht nimmt die Girlanden ab.
Grete kommt ohne Perücke,
denn die Morgenpredigt braucht sie.
Der Gerichtsrat wundert sich über Adams Wunden.

Die Kläger strömen herein.
Hinter ihnen die Beklagten.
Frau Marthe will sich den Krug,
vom Bauern Tümpel nicht ersetzen lassen.
Sie will ihr Recht erstreiten,
denn der Krug ist nicht zu ersetzen.
Der gute Ruf Eves, ihrer Tochter lag in dem Krug.
Ruprecht will keine Metze zur Frau.
Mutter Marthe stößt ihm den Hut vom Kopf.
Eve redet ihrem Ruprecht zu.

Sie werden mich doch nicht bei mir verklagen.
Der Dorfrichter redet auf Eve ein.
Er habe Ruprechts Attest in der Kutte.

Der Dorfrichter ahnt was auf ihn kommen wird
und will zu Bette gehen.

Doch der Gerichtstag hat schon begonnen.
Die Bibel muss her.
Noch mal den Mund gespült.
Den Bleistift gespitzt.
Die Nase geschnäuzt.
Das Glöckchen erklingt.

Was mag wohl auf dem Bild gewesen sein,
das an der Wand hinter dem Richter fehlt?

Frau Marthe, die Klägerin tritt vor.
Sagt euren Namen im Auge des Gesetzes.
Und was ist der Gegenstand der Klage?
Den Krug, der zerbrochene,
schlug dieser Maulaffe mir entzwei.
Mehr braucht der Dorfrichter nicht.
Gleich ist die Sache erledigt.
Um des lieben Friedens willen,
fällt manches unter den Tisch.
Doch Ruprecht nimmt die Schuld nicht an.

Wird Recht nach Augenmaß gesprochen?
Gerichtsrat Walter besteht auf der Form.
Erneut soll die Verhandlung beginnen.
So nimm Gerechtigkeit nun deinen Lauf.

Frau Marthe stellt den Krug vor die Nase des Richters
und tritt in den Zeugenstand.
Der Krüge Schönster ist erschlagen.
Sie wollte die Lampe zur Nacht löschen.
Da hört sie ein Tumult in ihrer Tochter Kammer.
Sie geht herbei und findet den Krug entzweit am Boden.
Ruprecht inmitten der Kammer sprach:
Ein anderer brachte ihn zu Fall.
Eve, ihre Tochter schwur er sei es gewesen.

Doch die Jungfrau schwor der Mutter nichts.
Der Gerichtsrat weiß nicht,
was er davon halten soll.
Fragt den Beklagten.
Es wird sich alles finden.
Wenn man nur zu Worte kommen würde.

Der Beklagte tritt hervor.
Kein wahres Wort sei gesprochen.
Ruprecht bringt seine Unschuld vor.
Er wollte die Eve heuren vor dem Gartentor.
Doch das Tor war verschlossen.
Da hört er sie mit einem anderen,
zu sehen nichts in der Finsternis.

Die Empörung der Mutter stellt sich vor die Tochter Eve.
Ruprecht wird noch erfahren, wo ihr die Haare wachsen.

Husch seien sie im Haus verschwunden.
Er hinterher
und überrascht die Beiden in der Kammer.

Die Klinke in der Hand sah er dreinschlagend,
noch ein fremd männlich Wesen aus dem Fenster
der Kammer seiner Jungfer stürzen.
Vor dem Sprung dem Fliehenden nachschauend,
traf seine Augen eine Hand voll Sand.
Da tritt Frau Marthe in die Kammer ihrer Tochter
und sieht Ruprecht neben der Jungfer auf dem Bette sitzen.

Der Gerichtsrat lässt die Jungfer Eve in den Zeugenstand treten.
Der Dorfrichter schwitzt.
Schreiber Licht lacht sich ins Fäustchen.
Die Magd näht und näht,
der Verhandlung lauschend an ihrem Unterzeug.
Der Dorfrichter verlangt nach Wasser.

Die Magd singt das Bild des Dorfrichters Adam an.
Der hat sein Wasser.
Licht, das Protokoll ist in Bereitschaft.
Eve soll sprechen.
Alles wäre dem Dorfrichter recht,
wenn es nur nicht die Wahrheit ist.

Aber Frau Marthe lässt nicht locker.
Versprach sie doch dem verstorbenen Ehegatten,
der Jungfer einen wackeren Mann zu verschaffen.

Eve zieht Ruprecht an sich.
Würde er den zerbrochenen Krug auf sich nehmen,
wäre seine brave Braut beschützt.
Wie kann man der Braut nicht trauen?
Nur was Rupprecht mit Händen greift, glaubt er.
Macht aus der Jungfer Kammer doch kein Hurenhaus.

Was soll’s?
Auf die Bibel kann die Jungfer nicht schwören.
Dem Adam tropft der Schweiß von der Stirn.
Es kann so nicht weiter gehen.
Das Glöckchen wird geschlagen.
Schluss mit der Verhandlung.
Marthe will mehr wissen.
Frau Brigitte hat des Nachts,
im Hof gestanden mit dem Ruprecht.
Nun nimmt sich Bauer Tümpel,
seinen Sohn zur Brust.
Er wittert ein Geheimnis.
Alle stecken unter einer Decke.
Ach das Bündel sollte mit dem Sohn nach Utrecht zum Militär?
Das Verlöbnis soll gelöst,
das Silberkettchen mit dem Schaugroschen,
zurück gegeben werden.
Wo gibt’s den so was?
Geschenkt ist geschenkt.

Der Dorfrichter will abbrechen.
Der Gerichtsrat lässt fortfahren.
Eine neue Zeugin,
Frau Brigitte soll Licht in die Verhandlung bringen.
Die Sitzung ist unterbrochen.
Der Magd wird der Schlüssel zur Speisekammer gereicht.
Wein und Käse, vom Allerbesten soll sie bringen,
um die Gesinnung des Gerichtsrats zu stärken.

Zwischen Gerichtsrat, Klägerin und Beklagten
humpelt der Dorfrichter umher.
Der hat zwei Löcher im Kopf.
Die sieht der Gerichtsrat wohl
und fragt danach.
Der Dorfrichter ist auf den Kopf gefallen,
erst so uns dann so,
nach vorn und nach hinten.

Grete tischt auf.
Wein muss sein.
Getrunken wird immer.

Hätte Adam doch seine Wunden mit der Perücke bedeckt.
Doch wie ist ihm seine Perücke verlustig gegangen?
Als er sich über einen Streit beugte,
des Nachts bei Kerzenschein,
sei ihm die Perücke versengt.

Der Gerichtsrat ist dem Dorfrichter auf der Spur.
Wie hoch ist der Jungfer Kammer, Frau Marthe?
Wo traf der Ruprecht den Sünder am Kopf?
Mit der Klinke hat er zweimal geschlagen.
Konnte er im Dunkel niemand erkennen?
Hat Adam nicht zwei Wunden am Kopf?

Frau Brigitte tritt in den Zeugenstand,
wärmt sich die Hände am Ofen
und hält sich an ihrer Tasche fest,
aus der Licht eine Perücke zieht,
die sie am Weinstock unter dem Fenster der Jungfer fand.

Der Dorfrichter ist empört.
Es ist die seine,
die gab er dem Ruprecht,
sie nach Utrecht zu bringen.
Warum hat er sie nicht in die Werkstatt,
zum aufarbeiten gebracht?

Vergangene Nacht hörte Frau Brigitte,
die Jungfer jemand schelten.
Sie wird die Mutter rufen.
‚Das liebt sich, wie sich andere zanken.’,
dachte sie.

Da huscht ein Kerl an ihr vorbei.
Die Glatze sieht sie,
durchleuchten die Nacht,
wie faules Lindenholz.
Und schaut die Spur im Schnee,
mit Menschenfuß und Pferdefuß,
quer durch den Garten.

Der Dorfrichter hinkt herbei
und hat Antwort.
Nun ist alles klar.
Den Krug zerschlug der Teufel.
Mischt er sich nicht auf Erden,
in einer Perücke unter die Menschen.

Die Magd bekreuzigt sich.
Licht, der Schreiber lacht in sich hinein.
Der Dorfrichter Adam will die Verhandlung schließen.

Doch im Schnee die Spur führt,
bis vor des Dorfrichters Haus.
Der Teufel scheint vor Ort gewesen zu sein.

Der Teufel wird wohl nicht im Gerichtshof wohnen?
Hat er womöglich den Gesetzen was angehängt?
Der Dorfrichter steht für nichts mehr ein.

Hat im Dorf einer missgestaltete Füße,
will der Gerichtsrat wissen.
Der Dorfrichter legt seine auf den Tisch.
Wenn die der Teufel hätte,
könnte er auf Bälle gehen und tanzen.

Ist nun seine Perücke in Flammen aufgegangen,
oder hat die Katze darin gejungt?

Licht setzt die Perücke dem Dorfrichter auf den Schädel.
War er der Teufel der Nacht?
Der Gerichtsrat Walter waltet seines Amts
und schließt die Verhandlung.
Da kommt Eve mit der Sprache heraus.

Da flieht der Dorfrichter in den Schnee.
Braut und Bräutigam vertragen sich.

Aber Ruprecht soll nach Ostindien in den Waffenstand.
Da klärt sich arglistiger Betrug.
Der Stellungsbefehl war aufgesetzt vom Dorfrichter,
um sich der Jungfer zu nähern.
und ihr ein Attest für Ruprecht zu fertigen,
um von ihr schändliches zu fordern.

Die Sache ist ans Licht gekommen,
ein Kuss, die Hochzeit abgemacht.
Licht wird zum Dorfrichter bestellt.
Der Gerichtsrat hat genug von seinem Volk.

Es endet wie es begann.
Es wird gefeiert. Was sonst?
Die Löcher sind aus dem Käse.
Nur Adam fehlt.