Bleistift und Bronze

Gedichte und andere Texte zur Bildenden Kunst.
(Sammlung, bisher unveröffentlicht.)

… Einige Texte daraus …

ENTSTEHUNG

Was sah ich in der Zeichnung,
Als ich sie zum ersten Mal sah?
Sie gefiel mir.
Du sagtest, sie soll Entstehung heißen
Und das gefiel mir.
Ich sah sie wieder und wieder an.
Das Blau über dem hellen Braun.
Das vereinzelte Rot.
Den Schwung in den Farben.
Die Bewegung in der Kontur.
Ich sehe mir immer wieder deine Zeichnung an,
Die Du mir vor dreißig Jahren ließest,
Bevor wir uns nicht wieder sahen.
Nun schreibe ich dazu etwas auf.
Damals habe ich nichts aufgeschrieben.
Und das war gut so.
Schreiben ist etwas anderes.
Ich sehe mir wieder deine Zeichnung an,
Die über meinem Schreibpult hängt.
Ich sah damals, wie heute
Entstehung.

MICHAEL KAIN MALT
Den verschwundenen König
Eine Krone schwebt im Dunkel
Heller Ränder Schatten
Erinnern an eine Tür
Durch die niemand mehr
Weder ein noch aus geht
Auf der Staffelei daneben
Im Dunkel kreisendes Hell
Vielleicht ein Auge das sich
In sich zurück zieht
Das nicht mehr sieht
Und nicht weniger
An der Wand
Ein großes Format
Taucht mit seiner Beute
In ein Unerreichbares
Fern dem Menschenlicht
Das Dunkel einzufangen
An der Erde daneben
In eine Ecke
Unter das Fenster verbannt
Eine lichte Landschaft
Spuren von Gestein
Vielleicht eine Stadt
Schnee Sand Wolke
In der Nebelsonne
Gedächtnis einer Melodie
Die ihren Klang fürchtet
Den Sänger flieht
Wo auch immer
Kain geht in die Farbe
Findet im Verschwinden das Licht
Einfaches Sehen
Ahnt Unauffindbares

NACH STUNDENLANGER SITZUNG,
Im Gespräch mit der Malerin Seltmann,
Legt diese ein weißes Papier
Über die frische Farbe des Porträts,
Streicht mit der Handfläche vorsichtig herüber,
Zieht das nun nicht mehr weiße Papier
Vom Bildnis sachte ab,
Bessert da und dort,
Das nun am Boden liegende Blatt,
Mit dem Pinsel aus.

Im weißen Hemd,
Vor der roten Wand,
Ein Goldkopf mit geschlossenen Augen,
In sich gekehrt.

Schemenhaft und identisch das Abbild,
Vor über zwanzig Jahren entstanden,
Zeigt einen,
Jung und kräftig,
Fast kindlich
Die Umstände des Lebens
Hinterfragend,
Die Dinge der Welt.

DIE FIGUR – Variationen

Da ist sie.
Immer wieder anders da.
Ohne daran zu denken,
Einfach so da sein,
Irgendwo stehen,
Gesehen werden,
Sich anschauen lassen,
Ohne Worte
Mit etwas zusammen sein.

Die Figur wird sich auflösen,
In anderer, allerlei farbiger Betrachtung.
Bald weiß sie sich selbst nicht mehr,
Was sie war, ist, sein wird.
Zerstört, aufgelöst, anders gestaltet,
Kunstreich übermalt,
Stilvoll fragmentarisch,
Formbewusst anders gesehen,
Getupft, gestrichen, gepinselt.

Die Erinnerung an eine Figur.
Die Frau vielleicht, die Freundin, das Mädchen,
Das sie einmal war,
Das man in ihr sah,
Als man Schönheit schaute,
Später ihr Vergehen.
Aufgelöst, anders gestaltet, übermalt,
Schwaches Abbild eines Lebenden,
Von Liebe und Natur.