Arbeit. Schreiben.

Zusammengefegte Späne oder die ersten zehn Seiten einer Arbeit zur Poetik.
Vorgetragen im Literarischen Colloquium Berlin 1991.

Die erste Seite. DER ANFANG.

1 Obwohl ich keinen Anfang benötige, hat das Schreiben bei mir einmal angefangen.

2 Am Anfang waren die Bilder. Noch bevor der erste Laut zu hören war, noch bevor das Wort zu sprechen begann. Bilder kommen und gehen, wie ein Licht ist, neben dem Schatten. So gehe ich mit den Wesen, durch die Zimmer, Straßen, Städte, wie die Augen es beschreiben. Was da war, ist verschwunden, um wieder zu kommen. Erst habe ich gesehen. Dann habe ich vergessen. Später kam es wieder, tauchte auf, mehr und mehr. Vielleicht habe ich so zum ersten Mal gesehen und nicht mehr vergessen.

3 Aller Anfang ist schwer oder meine, eine Art szenisch zu schreiben oder was man sich für Gedanken machen kann, eine Art oder der Versuch zu leben.

4 Grau ist alle Theorie, das Änderbare ändert sich auf eigenen Wegen und der Dichter sieht als Einziger die ganze Welt, sagt man.

5 Schuster bleib bei deinem Leisten.

6 In einer Theorie kann man alles verhandeln und oft gibt sie sich klüger als die Wirklichkeit.

Eine zweite Seite. DIE MOTIVE.

1 Was ist nur mit ihm? Stundenlang liegt er, sitzt oder steht er schreibend herum. Was soll das ganze Papier? Er findet keine Ruhe mehr. Schreiben ist eine unnatürliche Tätigkeit.

2 Alles Schreiben ist Erinnerung. Ist Schreiben eine nützliche Sache? Papier ist geduldig, aber das Leben nimmt seinen Lauf. Er läuft mit seinem Leben.

3 Wie gehen Menschen miteinander um? Was haben sie sich für Verhältnisse geschaffen? Wie geht die Gesellschaft, in die sie sich begeben haben, mit ihnen um? Sie gehen aufeinander zu, statt miteinander zu gehen. Ignoranz ist ein Grund gegen den man seine Sprache finden kann.

4 Vielleicht kann man Verhältnisse anregen, die über etwas anderes nachsinnen, als über ihre Verhältnisse.

5 Was kann dramatische Dichtung, wenn sie das Leben nicht umfassend darstellen kann? Was kann sie, wenn sie was kann? Die Auseinandersetzungen zeigen. Eine Möglichkeit der dramatischen Dichtung. Die Widersprüche in ihrem hin und her vorstellen. Das wovon Dramatik lebt. Oder kann sie auch einen Gegenentwurf schaffen. Ein Bild vom Leben. Lebensbilder, nicht nur dessen Kritik.

6 Also, die Kritik der Kritik. Die Kritik der Verhältnisse, die nur von ihren Verhältnissen leben.

Eine der zwei Seiten. EIN SCHREIBANSATZ.

1 Leben war und ist. Die Selbstdarstellungsweisen des Menschen und der Gesellschaft ändern sich. Um Moden kann es nicht gehen.

2 Es geht um Darstellungsweisen.

3 Die unwirkliche Wirklichkeit meint das naturzerstörende Menschsein? Eine These und daher mit Fragezeichen, denn vielleicht ist der Mensch eine Mutation der Natur und er weiß es bloß nicht. Seine Zerstörung durch sie oder der Mensch als Krebsgeschwür der Natur.

4 In einer Welt leben müssen, in der Gold ein Wert ist. Der Mensch hingegen, die Natur der Dinge weniger bedeuten, solange sie nicht mit dem gelben Stein aufgewogen werden können. Was will man mit dem gelben Stein? Essen kann man ihn nicht, mit ihm nicht reden, er lacht nicht, heilen kann er keine Krankheit, etc.

5 Fern von der Harmonie der Gezeiten wird der Zerstörte zum Zerstörer, auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

6 Oder eine andere Ansicht. Durch technische Entwicklungen und im Bewusstsein seiner Sterblichkeit und der Sterblichkeit seiner Welt versucht der Mensch, sein Wissen in technische Zellen zu binden, die weder Luft zum Atmen, noch Wasser zum Trinken oder Sonne zum Leben, Tag und Nacht benötigen, um durch seinen Egoismus motiviert, an eine Zukunft ohne ihn zu überliefern.

7 Schreiben hält wach. Wach bleiben wollen, erleben, festhalten am Leben. Das Leben vor dem Vergessen bewahren und nicht expansiv sein. Schreiben, ein Leben lang zwischen Diesseits und Jenseits sein.

8 In einer modernen Welt wird über Ethik und Moral nicht mehr verhandelt. Die mordende Welt heißt sich zivilisiert.

9 Schreiben in einer Welt, in der alles groß, super und viel mehr, als es ist, sein soll.

10 Bedürfnisse werden durch Trugbilder geweckt, um sie nicht zu befriedigen.

11 Was nicht mehr im Leben erlebt, wird durch die Literatur beschrieben. Die künstlich beschleunigte Welt spiegelt sich in einer verlangsamten. Ich lasse mir die Zeit, um mein Leben zu leben.

12 Der Mangel das Literatur, wie Kunst überhaupt, Kritik ist.

13 Schreiben heißt Leben reduzieren, denn es vernachlässigt etwas, um ein anderes zu zeigen. Immer zeige ich nur Ausschnitte von Leben. Andere Autoren sprechen von der Kunst des Weglassens. Da er nicht alles gleichzeitig kann, sagt der Autor: Es ist ein Text für das Theater, es ist ein Gedicht oder die Prosa des Lebens.

Die dritte Seite. DAS THEATER.

1 ‚Seine Kindheit in der Hosentasche’ haben, sagte Max Reinhardt und stand auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

2 In der Institution Theater trifft die vielfältige Gesellschaft aufeinander. Verschiedenste Charaktere und Temperamente sind vertreten. Von außen werden von den Mitarbeitern, Zuschauenden, Miterlebenden tagtäglich die verschiedensten Ereignisse, Meinungen etc. eingebracht. Der kollektive Arbeitsprozess im Theater spiegelt ihre Verhältnisse untereinander und ihrer Welt wieder. Anschauungen leben auf, werden in der Arbeit ausprobiert, verworfen oder unterdrückt.

3 Im Zentrum des Theaters, auf der Probe, nähern wir uns dem Menschen, mit der Poesie des Alltags.

4 Das Theater als eine Möglichkeit mit dem Gewebe des Lebens spielerisch umzugehen.

5 Ich kann keinen Text lieben, der mir durch das Leben abverlangt wird und das Theater nicht, wegen seiner Zerwürfnisse. Aber wenn ich das Theater, als Laboratorium des Lebens nutzen kann, schreibe ich dafür einen Text. Eine sehr sinnliche Angelegenheit.

6 Denn ein Bild von der Welt braucht der Mensch zum Leben und das kann Theaterarbeit mit bilden, in dem es öffentlich nachdenkt, gestaltet, Abbilder und Gegenentwürfe vorstellt.

7 Theater braucht Spiel. Theater braucht Spielraum.

Der dritten Seite eine. DER INHALT. DAS SPIEL.

1 Kinder brauchen Spiel. Spielend entdecken sie die Welt.

2 Kinder gebrauchen wenig Worte im Spiel, aber Dichtung braucht Sprache.

3 Sprache braucht Raum und wie Kinder sich spielend einen Raum schaffen, versucht der Text Welten zu entdecken.

4 Der Text bildet einen Raum nach, einen Spielraum, in dem Kinder ihre Welt, vielleicht was von der Erde, entdecken und ausspielen können.

5 Kinder reflektieren / abstrahieren nicht. Ich versuche keine reflektierenden / abstrakten Worte, Sätze zu benutzen. Ich schreibe einen Vorgang auf, denn Kinder sollen sehen können, was geschieht.

6 Was Erwachsene vielleicht schon anders sehen, empfinden Kinder. Was sie mit ansehn müssen, sieht der Erwachsene vielleicht schon nicht mehr.

7 Wird aus der Gesellschaft das Spiel / Spielerische verdrängt, entwerfe ich Projekte auf ganzheitlicher Weltsicht.

8 Ich weigere mich für Altersgruppen zu schreiben, wenn ich für ein sogenanntes ‚Kindertheater‘ schreibe, schreibe ich für alt und jung und grenze niemanden aus, begreife ‚Groß‘ und ‚Klein‘ als Partner.

9 Hier unterscheide ich nur um die Unterschiede, durch welche Leben sichtbar wird, als einander Trennendes aufzuheben, um für das Rollenspiel zu gestalten.

10 Spielt ein Mensch anders als ein Mensch, ein Erwachsener anders als ein Kind?

11 Wann wird man verstehen, dass der Mensch nur ein Teil seiner Welt ist und eins aus dem anderen folgt?

12 Das Spielzeug ist im Spiel auch jeder selbst.

13 ‚Alles ist Spielzeug in die Welt.‘, hörte HoHa, der große Erzähler, ein Kind sagen. Kinder sind kein Spielzeug. Sie sehen die Welt, wie sie sich ihnen zeigt und verklären sie sich nicht.

14 ‚Kindertheater‘ wird von Erwachsenen gemacht. Das bleibt immer kritikwürdig.

15 Sollen Kinder die Fehler der Entwachsenen wiederholen, nur damit jene im ‚Recht‘ bleiben, bis sie alt geworden wieder zu Kindern werden?

16 Meinen Teil Arbeit begreife ich immer als Annäherung. Ich sehe mich als Vermittler zwischen Menschen und Welten, denn die Welten zwischen den Menschen sind in einem Wechselspiel offen.

17 Kinder kommen irgendwie fertig auf die Welt. Dem Menschen fehlt in der Regel das Erinnerungsvermögen an seine ersten drei Lebensjahre. Ihre Sozialisation bedeutet eine Degeneration, bis sie diese als Erwachsene wieder aufbrechen, wenn sie Gründe dafür haben.

18 Sieh in die Augen der Kinder. Das Kind lernt mit der Sprache handeln. ‚Sieh, damit wir sehen …’. Satz mit dem ein afrikanischer Märchenerzähler aufgefordert wird, zu erzählen.

Vielleicht die vierte Seite. DER AUTOR. EIN MENSCH.

1 Schreiben eine unnatürliche Sache. Wozu sich Gedanken machen? Wenn man leben kann, kann man leben. Wenn alles gut ist, genießt man die Harmonie und macht sich keinen Kopf. An einen solchen Zustand erinnere ich mich. Wann war es nur, das letzte Mal? Es muss schon lange her sein.

2 Ein Autor hat nie frei. Warum schreibt der Autor einen Text für ein Leben, das er nicht leben kann oder lebt? Er braucht den Text nicht. Er kennt die Geschichte oder hat er die Geschichte erst schreibend ganz erfahren? Braucht er die Worte, wie die Luft zum Atmen?

3 Die Widerstände gegen den Vorgang des Schreibens basieren auf der Ahnung einer Passivität, der zu beeindruckenden Wirklichkeit gegenüber.

4 Wenn der Autor seine Stimme verloren hat, sagt er sich: Niemand hat dir was versprochen. Du machst dir Gedanken. Vielleicht machst du dir Gedanken für andere. Du weißt vielleicht, was die Stunde geschlagen hat und lieferst dich einer verlorenen Zeit aus. Und doch willst du ohne Zwang sein. Sprich, worüber andere schweigen. ‚Poesie ist das Gefühl im Recht zu sein.‘, sagt Mandelstam. Der Autor bleibt nicht. Dichtung kann viele Leben lang bleiben. Also schreibt ein Autor für die Geschichte, die er schreibt.

5 Wenn er keine gute Miene zum bösen Spiel macht, kann der Autor nicht zum Mundschenk der kritikwürdigen Verhältnisse werden und sich an seiner und seiner ihn umgebenden Wirklichkeit abarbeiten. Es geht ihm um Betrachtungsweisen, um Modelle und Aussagen von Leben.

6 Der Autor tritt mit seinem Text an ein Theater heran. Er möchte eine Antwort von der Bühne. Aber ob ein Dramaturg, Regisseur, der Intendant etc., eine Antwort geben möchte, wird er erst erfahren, wenn mit seinem Text gearbeitet, er erprobt wird.

7 Als Autor ist er ohne Absicht. Was kann er schon ausrichten? Die Zeilen, die ihm in die Quere gekommen sind, kommen nun anderen in die Quere.

8 ‚Schreibend ein Beispiel geben.‘, sagte Ratnoti und Wittgenstein sagt: ‚Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.‘

9 Der Autor springt so wenig wie ein anderer Mensch, mit seiner Arbeit über den Schatten seines Daseins und kommt nicht in das Licht, denn kein Licht ist ohne Schatten und kein Schatten ohne Licht zu begreifen. Er ist immer dazwischen.

10 Vielleicht ist es aber auch so, dass der Autor sich als Mensch nicht allein begreifen kann, denn alles begreift sich durch ein Gegenüber. Wie ein Spiegel braucht der Mensch den anderen und seine Welt, den der Autor womöglich durch seine Arbeit sucht.

11 Es wird gelegentlich davon gesprochen, dass im Theater Menschen arbeiten, die Probleme mit der Kommunikation haben.

12 Schreiben als ein Mittel gegen die Fremdbestimmung eines Lebens. Das ist nicht alles und kann nur ein kleiner Teil davon sein, denn Schreiben ist wie leben. Ich brauche nichts zu verfremden, um etwas verstehen zu können.

13 Im Prinzip reproduziert man schreibend, was einem im Leben beeindruckt hat, positives wie negatives.

14 In einer monologisierenden Welt hat es ein Mensch schwer, der sich mit den Dingen im Dialog befindet.

15 So hätte man doch, was ich beschrieben habe, beschreiben können, sagt sich ein Autor.

16 Gute Sachen sind eben schwer zu machen. Was lange wird, wird gut.

Eine fünfte Seite. DAS STÜCK. DER SPIELANLASS.

1 Schreiben ist Denken nimmt man allgemein an. Aber denken ist zu wenig, ausdenken kann man sich kein Stück. Alles kommt aus dem Leben und wir leben und denken nicht nur auf dem Hintergrund unserer Erfahrungen. Mit einem Stück wird das Leben aus Perspektiven erlebbar gemacht.

2 Arbeitsstufen: Stück ist Vorgang. Erst geschah etwas mit mir. Dann schreibt etwas in mir. Ich schreibe und schildere den Hergang. Ich habe einen Blickwinkel auf den Vorgang. Ich habe einen Vorgang, wenn ich ihn habe.

3 Ob nun ein Stück in die Zukunft oder in die Vergangenheit greift, die Realität holt jeden Text einmal ein, bis er sich wieder losreißt oder allein gelassen wird. Dafür kann der Autor etwas tun. Man kommt zusammen, um wieder voneinander zu lassen. Was bleibt sollte eine Haltung haben, eine Situation oder Vorgang sein.

4 Wenn ich einen Vorgang habe, habe ich eine innere und äußere Handlung gezeichnet. Innere und äußere Handlung sind oft entgegengesetzt. Im besten Fall verschafft sich der Vorgang selbst Ausdruck. Das ist eine Aufgabe des Theaters. Die Beteiligten sollen sich in den Vorgang vertiefen und seine Situationen öffentlich reproduzieren.

5 Aber das Leben ist nicht nur dramatisch. Also muss sich das Stück die Frage stellen: Was kann ich erzählen, zeigen, öffentlich machen und was nicht?

6 Dramaturgien kann man nachlesen.

7 Mit ‚… wenn sie die Fabel trägt.‘, befragt Christian Martin die Geschichte seiner und fremder Texte. Aber es gibt Leben, das keine Fabel braucht und Texte, die das zu beschreiben suchen, die das zu schreiben finden. Die Fabel erdachte sich der Mensch, um zu begreifen, was sich selbst nicht begreifen braucht.

8 Eine strenge Fabel engt den assoziativen Raum ein.

9 Die Konstruktionen, die der Mensch sich schafft, taugen nur bedingt. So lange er sich und seine Vorstellungen nicht als Teil eines Ganzen begreift, solange er sich über die Natur der Dinge und somit über seine Natur erhebt, bleibt der Mensch abwegig. Neues altes Denken ist in der zivilisierten Welt möglich.

10 Ein Autor kann über seine Lebenszeit hinaus als Geschichtsschreiber wirken, wenn der Mensch seine Geschichte braucht, muss der Mensch in ihr zu entdecken sein.

Seite sechs. DER VORGANG. DIE SITUATION.

1 Ich erlebe meine Welt in Bruchstücken, in Begebenheiten die aneinander gereiht, einen Vorgang bilden können. Ein Vorgang beeindruckt mich. Ich kann mir zwar prosaisch den Vorgang erklären und aufschlüsseln. Aber die Situation, der Hergang geht mir nicht aus dem Kopf, bleibt in mir lebendig. Ich kann das Geschehene nicht allein tragen und möchte es mitteilen.

2 Andere sollen an dem, was sie und andere tun und wie es gesehen werden kann, teilhaben.

3 Ich habe einen Vorgang gefunden. Wenn man sich an den Vorgang hält, braucht man nicht zu philosophieren. Die Aussage liegt im Vorgang begründet. Was gut oder böse, richtig oder falsch ist, benötige ich nicht. Das sind keine Kategorien mit denen ich schreiben kann. Statt ‚gut‘ oder ‚falsch‘, denke ich ‚anders‘. Was geschieht ist verschieden voneinander, denn die Handelnden unterscheiden sich. So begreife ich den Menschen als Unikat. Selbst wenn Vorgänge sich den gleichen Anschein geben, können sie verschiedene Ursachen gezeugt haben und zeugen.

4 In meine Geschichten soll man hineingehen können. Meine Figuren sollen zu ihrem Recht kommen. Wie sollten sie, wenn ich eine oder meine Wertung, in ihr Sprechen stecke? Ich überlasse die Situation keinem anderen, als meinen Figuren.

5 Ich versuche den Vorgang wirklich. Ich versuche ihn bei der Wurzel zu greifen. Wo ist das Gefühl der Gefühle? Wo Haltung in der Situation? Wo der Vorgang der Vorgänge? Da habe ich einen Zipfel Archaik des Spiels und der Sprache. Ich ziehe sie heraus auf das Papier. Die Geschichte kommt aus der Welt. Warum sich über sie und andere erheben? Niemand hat sich selbst erschaffen. Wie ich etwas mache, ist meine Arbeit.

6 Der Vorgang ist der Generalbass. Vorgänge bleiben, was sie sind. Der Dialog liegt unter dem Vorgang. Erst geschieht etwas und dann wird darüber gesprochen. Das Wort folgt aus der Situation, der Handlung. Die Stimme aus der Stille, unter dem Gedröhn der Großstadt zum Beispiel. Das Leben des Erlebten, das Stimmchen, der Schrei, das Schweigen. Der Vorgang bewegt sich auf einer anderen Ebene. Die Figuren bewegen ihn, sind aber nur seine Einzelheiten.

Sieben. DIE SPRACHE.

1 Laut / Ton / Wort / Satz / Urlaut

2 Sprache allein ist schon dramatisch. Die Worte streiten um ihre Stellung im Text. Sind bescheiden, reihen sich ein oder deplatzieren sich. Manches Wort sucht sich zu bevorteilen und fällt außer Betracht, weil es sich dadurch herausgenommen hat.

3 Ich habe mein Thema und ein Sujet gefunden. Ich fühle mich ein und ahme die Situation nach. Ich verinnerliche die Handlung. Das ist eine hohe Stufe. So kann in dem Moment gesprochen werden. Mal hat ein Satz eine Maske auf. Andermal spricht das Wort, was es zu sagen hat. Wie sprechen meine Figuren und warum so und nicht anders in der Situation? Immer bleibt der Handelnde darunter sichtbar. Sprache ist nur die Hülle der Handlung und Ausdruck derselben.

4 Auf einer Lichtung in Erwartung des Wildes, wird anders gesprochen, als in einer dunklen Zelle, in der ich einen Zuhörer weiß. Beim Rauschen des Flusses …; soll ich einstimmen oder den Klang überschreien. Vielleicht wird sein Rufen, sie am anderen Ufer nicht mehr erreichen. Der Himmel über Sankt Petersburg, die Weite einer Sprache. Das erdige Sprechen der Schamanen, sein Schritt in karger Landschaft. Aus der Ferne, Ebbe und Flut. Undurchdringliche Nebel. Die Schritte Hölderlins nach Straßburg. Die Straße kann ein leises Wort ersticken.

5 Es geht nicht um laut und leise. Es geht darum, wie ich was sage. In verschiedenen Räumen wird verschieden gesprochen. Wer spricht wie und warum so und nicht anders und warum wird ihr Sprechen nicht vernommen? Ein jeder kommt auf seine Weise, mit seinen Möglichkeiten zu Wort.

6 Eine allgemeingültige Sprache gibt es nicht. Die Sprachen der Erde sind verschieden. Man muss mit seinen Figuren reden und schweigen können. Welche Sprache sollte man sprechen? Ohne Sprache ist man rechtlos in dieser Welt.

7 Und doch liegt die Sprache immer unter der Realität, denn sie hat einen Autoren, der zwischen Wirklichkeit und Erinnerung konzentriert. Das ist nichts Schöpferisches im Sinne der Schöpfung.

8 Sprache ist Veränderung. Wolke ist ein Vorgang, wie Sturm Vorgang ist. Meistens wird nur das Bild von ‚Wolke‘ und ‚Sturm‘ gedacht. In meiner Sprache soll der Vorgang enthalten sein. Ich möchte eine Atmosphäre schaffen, in der alles lebt. Die Sprache der Stimmen, ihre Polyfonie.

9 Ich denke an die Zeichenschrift der Chinesen. Mit der Sprache kam der Regen wieder. Wenn die Figuren sprechen können, haben sie das Laufen gelernt.

10 Der Rest der bleibt. Was nicht erzählt wird, erzählt mit. Aber man kann nur weglassen, was man hat. Das Unausgesprochene, das erkundet werden will, weißt auf die innere und äußere Handlung. Er sagt ihr etwas, aber sie denkt anders darüber, denn mit ihr sind auch wir als Zuschauer, nicht nur seinen Worten gefolgt, haben gesehen was er tat, als er redete. Warum tut er dies, wenn er so gedacht, gefühlt, empfunden, gesprochen hat?

11 Sprache kann beleben. Beleben sagt, Erlebnisse schaffen, Erlebnisse im Gewebe des Lebens.

12 Keine Sprache ohne Melodie. Sprache ist Rhythmus.

Acht. EIN RAUM. DIE ZEIT. IHR BILD.

1 Sprache braucht Raum. Ich stelle mir einen Raum vor, stelle etwas hinein, nehme etwas heraus. Dann kann es zu sprechen beginnen. Ich muss den Ton finden, der aus den Bewegungen folgt, die man in diesem Raum vornehmen kann.

2 Ich versuche es einfach, wie es sein kann. Wenn es so nicht geht, geht es anders.

3 Ich spiele Situationen durch. Wie ein erfahrener Schauspieler im Probenprozess will ich keine Antworten. Weder vom Regisseur, noch von einem Autor, der ich erst sein werde, wird mein Spiel angenommen, sondern möchte mir die Situation erspielen. Der Raum, in dem ich mich mit meinen Figuren bewege, gibt mir Antworten. Er sendet Impulse aus. Auch hier bekommt der Text eine Eigenbewegung. Der Schauspieler spielt mit dem Leben, in das er sich einbringt, nach meiner Zeit.

4 Ich gelange vom Bild zum Raum, den ich ausschreiten möchte, denn mein Leben verwirklicht sich durch Bewegung. Die Zeit, die mir bleibt, spielt eine Rolle für das Abbild des Bildes, das ich mir mache. Denn habe ich Zeit zu betrachten, kann ich genauer in die Tiefe und Breite sehen, bis mir soviel Zeit geblieben ist, dass ich nichts mehr sehen kann, weil ich immer wieder das Gleiche wahrnehme und so wieder sehe, als ob keine Zeit ist, das Bild, den Raum, die Erscheinung genau zu betrachten.

5 Ich sollte die Zeit als Zeit begreifen, ist sie doch die einzige Kraft, auf die der Mensch keinen Einfluss hat, denn sie vergeht ohne sein Zutun. Sie geht an ihm, mit ihm, vor und nach ihm vorüber.

6 Die Stimme der Sagen, Märchen, Mythen; eine Stimme, die nicht altert.

Alle guten Dinge sind neun. VOM HANDWERKSZEUG.

1 Eigenschaften: klein – groß / schwach – stark / stabil – zerbrechlich / hoch – tief / nah – fern / außen – innen / hell – dunkel / leise – laut / wenig – viel / leicht – schwer / feucht – trocken …

2 Charaktere: Der Stille, der Geschwätzige; der Schüchterne, der Raufbold; der Bescheidene, der Raffsüchtige; der Kluge, der Dumme; der Reiche, der Arme. Aber was ist klug, was dumm? Was böse oder gut, schön, hässlich, bitter, süß?

3 Bewegungen: Ein Mädchen wird zur Frau. Der Gute wird betrogen. Der Schwermütige lacht. Der Schwache entdeckt seine Stärke. Ein Dieb wird bestohlen. Der Mächtige entmachtet. Der Erfolg, der eine Niederlage ist. Der Gejagte wird zum Jäger. Über einen Richter wird gerichtet. Ein Verräter verraten. Ein Lügner belogen. Ein Betrüger betrogen. Ein Schläger geschlagen. Der Gewalttätige vergewaltigt. Ein Selbstmörder ermordet. Der Erleuchtete wird in die Dunkelheit verbracht. Die Tiefe bekommt eine Höhe. Ein Schriftsteller, der nicht schreibt.

4 Ansichten: Der Unterdrücker fühlt sich unterdrückt. Der Reiche denkt sich arm. Der Schuldige glaubt an seine Unschuld. Der Täter sieht sich als Opfer.

5 Zum Bau: Man kann ein Bild aufbauen und zusammenstürzen lassen. Einzelne Segmente herausnehmen und sich in aller Ruhe betrachten. Man nimmt einen Baustein und montiert ihn mit einem anderen. Den anderen Baustein hat man aus einer Demontage gewonnen. Der Baustein erinnert an das zusammengefallene Haus. Die Steine zeigen sich verschieden, aber es entsteht ein neues Bauwerk. Der Analytiker nutzt sein Bergwerk. Er baut nicht auf. Er zerlegt ein Bauwerk in seine Teile und geht von außen nach innen, von der Oberfläche in den Untergrund des Gebildes, um Teile heraus zu finden und einzeln vorzustellen.

6 Montage: Dialoge, Monologe, lange Passagen, kurze Passagen. Jede Stimme spricht. Es entsteht ein Rhythmus. Schnelle Wechsel schaffen Unruhe. Gemächlich langsam wird Beständigkeit erzeugt. Ich lasse zwei Vorgänge simultan ablaufen und erhalte eine Parallelmontage. Man könnte das auch Kontrastprinzip nennen. Ich zeige nur Schattenbilder und Lichtblicke und baue eine Assoziationskette auf. Das könnte man Assoziationsmontage nennen. Ich setze einen Vorgang an den anderen. Sie unterscheiden sich durch ihr Gegenteil. Ich erhalte einen Kontrapunkt. Im Dialog der Dinge verdecke ich etwas, um das Verdeckte mit dem Sichtbaren zu zeigen.

7 Komposition: Aus der Ruhe heraus. In die Stille hinein. Konzentration der Bewegung. Es leuchten Farben auf. Töne, Laute, Worte in ihren Bewegungen. Dunkel glühende Farbspiele. Lautmalerei. Das rote Licht des Morgens. Die blaue Stille. Manchmal luftig schwungvoll, brummend schwer oder gemächliche Ruhe über Brauntönen. Eine Gedankenstimme. Drei Stimmen Geschwätz. Nähe durch Distanz. Eine Polyfonie der Stimmen bildet die Atmosphäre im Raum. Gegenläufige Bewegungen. Das Licht in den Figuren bricht sich. Wir erhalten ein Spektrum des Einzelnen. Das Gewebe des Lebens zeigt sich, wie ein Einatmen, wie ein Ausatmen, wie ein Einundausatmen. Symbole, Metaphern, Allegorien. Sandbilder, die der Wind auslöscht, um Grund für neue Zeichen zu schaffen. Bild, Urbild, Oberfläche und Untergrund und die Frage nach dem Maß, für die Steine aus denen das Mosaik, für ein Gesamtbild entsteht. Ein Geben und Nehmen im Wechsel, zwischen anziehen und abstoßen, ein Geben von aus Wirklichkeiten Genommenen.

Zehn. VOM ÜBERGANG ZUM MYTHOS.

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Weiterführung und Ausbau der Themen in
‚SPIEL RAUM MYTHOS‘
Von der geschlossenen Gesellschaft zur offenen Form.
Ein Versuch mit Ansichten über und Einsichten in den Mythos.
Die zweite Erweiterung von ARBEIT. SCHREIBEN.
1992.
und
‚MYTHEN TEXT THEATER – In der Kommunikation der Jahrhunderte‘
Versuch eines Vortrags.
ERFAHRUNGEN IM UMGANG MIT MYTHEN auf der Grundlage einer Textproduktion …
2001/2013.