All Raunen

Theatergedichte und andere Texte zur Darstellenden Kunst.
(Sammlung, bisher unveröffentlicht.)

… Einige Texte daraus …

SHAKESPEARES ROLLEN – Varianten

1 Anhand einer Rolle Papier
lernten die Schauspieler,
die Rollen des Shakespeares,
seine Götter, Geschöpfe, Geister,
die er für das Globe – Theater schuf,
kennen.

Auch jene Rollen des Marlowe, Jonson, Webster, Kyd,
all jener, die für die Londoner Bühnentexte,
im Wettstreit um die Gunst der Zuschauer,
schrieben.

Auf der Probe nicht wissend,
was ihm im anderen begegnet,
aufmerksam seinem Gegenüber,
geschickt im Spiel zu erfahren,
den Charakter seines Tuns,
die Geschichte, die gezeigt werden soll;
das wünschte ich den Darstellern im Theater heute.

2 Shakespeares Rollen,
lernten seine Schauspieler
anhand eines Auszugs auf Papier,
denn niemand bekam die ganze Geschichte.

Lernten die Schauspieler
auf der Bühne aufmerksam,
ihren Part zu spielen,
den anderen Rollen gegenüber,
die eine Geschichte noch so hatte,
welche sie in ihrem Theater zeigen wollten.

Bekämen die Schauspieler heute nur ihre Rollen,
wie einst ihre begabten Kollegen in London,
nichts wissend von der des anderen,
interessiert aneinander,
gespannt aufeinander,
um sich spielend zu begegnen,
im Geist und Geste des Anderen
die Geschichte zu entdecken,
das Drama, die Komödie,
die Erzählungen der Welt.

RICHARD LEISING TOD

Richard Leising’s Tod erinnert mich,
an unsere erste Begegnung,
in der Dramaturgie des Theater der Freundschaft.
Ein schmächtiger Mann,
als Dramaturg und Autor beschäftigt,
brauchte von mir für das Programmheft,
schnell, am Besten heute noch,
einen biografischen Text,
am Bestem poetisch,
der zu den anderen Gedichten passe,
die abgedruckt werden sollten.
Da setzte ich mich in die Kantine,
unter Bühnentechniker, Schauspieler, Kostümarbeiter
und versuchte im Trubel der Probenpausen
bei einer Tasse Kaffee einen Text.
Na wird’s wohl werden?,
fragte Leising,
der nach keiner halben Stunde herunter schaute,
ob ich was zu Papier gebracht hatte
und als er das wenige Wort sah,
mit einem hintergründigen Grinsen
gleich wieder ging.
Eine halbe Stunde später stieg ich
die Treppe zur Dramaturgie auf,
klopfte an die Tür und öffnete.
Sah Leising sich von seinem Schreibtisch erheben;
mir entgegen kommend,
gab ich ihm meinen Zettel,
auf dem folgende Zeilen standen:

wenn ich groß bin will ich ein dichter werden
mutter darf ich mal alte eule zu dir sagen
vater warum sind die bäume so leise
was habe ich bloß wieder angestellt
hört auf zu schreien
warum bin ich kein anderer geworden

Leising überflog die Zeilen,
setzte sich,
las noch einmal
und sagte erstaunt:
Warum bin ich nicht darauf gekommen?
Und das erstaunte mich,
bei einem so gerühmten Dichter
wie Leising einer war.
Ich hätte ihn gern meine Gedichte zu lesen gegeben,
dachte nicht daran oder traute mich nicht.
Ich kann es nicht mehr erinnern.

DEN TROGORIN SPIELEN

Ich schrieb Stücke für ein Ensemble,
das sich mochte und oft im Streit lag.
Zu meiner Verwunderung kam eines Tages
der Regisseur und fragte, ob ich den Trigorin
in seiner Inszenierung der ‚Möwe‘ spielen würde.
Er wüsste, dass ich kein Schauspieler bin,
der Text wäre nicht so lang
und es wäre wirklich,
wenn ein Schriftsteller den Schriftsteller spielen würde.
Ich bat mir Bedenkzeit aus.

In dem Stück in dem Treplew sagt:
‚Ich komme immer mehr zu der Überzeugung,
dass es gar nicht auf alte oder neue Formen ankommt,
sondern darauf,
was ohne Rücksicht auf irgendwelche Formen
frei aus der Seele strömt.‘,
las ich ab und an.

Jeder am Theater übernahm eine Rolle in Tschechows Stück.
Mit der Angst einen Text auswendig lernen zu müssen,
sagte ich zu.

Hätte ich den Trigorin spielen können?
Ich werde es nie erfahren.
Der Regisseur erlitt einen Herzanfall.
Die Inszenierung kam nicht zustande.
Das Ensemble löste sich auf.
Die Spielstätte wurde mit einer anderen fusioniert.

HOHA, DER LETZTE ERZÄHLER

Es spielt in mir.
Es spielt mit mir.
Ich spiele.
Spiele ich so oder anders?
Was spiele ich wie?
Es geht um mein Leben.
Während du spielst, sehe ich deinen Bewegungen zu,
Folgend deinen Worten, denke ich mir …
Du spielst.
Was spielst du denn?
Du spielst so vor dich hin.
Es gefällt mir, wie du spielst.
Es fühlt sich so leicht an, so luftig und duftig.
Es sieht so einfach aus.
Du gehst so aufmerksam mit dir um.
Im Spiel erfahre ich dich,
verdichtet sich dein Tun,
assoziiere ich, dank deiner Hilfe,
ein breiteres Beleben,
etwas, dass ich so noch nicht sah.

Alles auf die Welt ist Spielzeug,
hörte ich ein Kind sagen,
sagte der Theaterlehrer
und untersuchte spielend, was in der Welt.
Ob es gut oder schlecht,
ob es förderlich oder hinderlich war,
vielleicht aufrecht zu sein.
Es einen gut oder schlecht machte,
was einem angetragen wurde,
um sein Leben zu verdienen,
getan werden musste oder
lieber gelassen sein sollte,
probierte er mit seinen Spielern aus.

Wer will schon der letzte Erzähler sein?
Mit der Poesie des Alltags,
schimpfte er durch die Welt,
war im Theater wach und klug und klar.
Spaß hat es immer gemacht.
Der Meister auf der Probe
und sein Schüler hinterher.
Seine Anwesenheit hat ihm einmal
das Leben gerettet.
HOHA, DER LETZTE ERZÄHLER IST TOT.
Aber ein Meister stirbt nie.
Nach dem Fallen wieder aufstehen,
weiter gehen ohne ihn …

(HOHA – Horst Hawemann)

HÖREND SEHEN

Es beginnt mit dem ersten Ton,
wie immer
entwickelt sich alles anders.

Die Stimmen der Narren
und Nachdenklichen,
hören aus den Tiefen der Erinnerung.

Das Wort, Klang an der Wurzel,
atmend atemlos manchmal.
Die Stimmen schauen in alle Richtungen.

Vielleicht ein Versuch
im Horizont der Sprache,
die Wahrnehmung zu reinigen.

Essenziell die Anmut des Worts.
Ein Regisseur, welcher als Erzähler dichter formt.
Er kann die Pausen lassen, das Schweigen, die Leere.

Im Nachhinein vorhersehend.
Die Menschen im Ich.

Hören, als ob man sieht.
Erdbeben der Stimmen.

(Für Kai Grehn)

IN HEINER MÜLLERS BIBLIOTHEK
suchte ich das ‚Daodejing‘ des Lao Zi,
die Schrift des Namenlosen vergebens.

Als ich im Transitraum am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität,
nach einer Lesung von ‚Thermidor‘ des Igor Kroitzsch,
welches das Versagen des Intellektuellen in der Politik beschreibt,
zwischen all den Büchern stand,
fragte ich mich,
was den Menschen Müller bewogen haben konnte,
diese Masse von Wissen, Weltanschauung, Dichtung anzusammeln
und jene einfache, weise,
vielleicht schlüssigste Deutung vom Sein,
nicht in vielen Übertragungen und Interpretationen
zu Hand zu haben.

Was wäre ihm (und uns) erspart geblieben,
in den Kämpfen der Zeit?
Oder brauchte er den täglichen Widerstand,
um dramatisch denken zu können,
ein Dramatiker seiner Zeit zu sein?
Fragte ich mich,
vielleicht um ein anderes zu leben.

Es

Es fiel sich ins Wort.
Es kann es nicht im Kopf haben.
Es hat keinen.
Was ist es?
Es ist überall und nirgends.
Es lässt sich nicht gebrauchen.
Was soll es?
Es will ja nichts.
Es geht schwer und ist leicht.
Es beginnt bis es endet und bleibt.
Wir haben es nicht.
Weiß es was es ist?
Zu sagen geht es nicht.
Es könnte auch anders sein.
Weiß es wie es wirklich ist?
Es war was es ist.
Es wird dichter.